Musik ist Kunst und Alben sind Kunstwerke. Ich persönlich höre gerne Musik, während ich meine eigene Kunst kreiere und lasse mich von ihr inspirieren. Ab und zu stolpere ich dann über ein Album, das so einzigartig und faszinierend für mich ist, dass ich es mit dir teilen möchte. Ich bin Künstler, aber das heißt nicht, dass ich kein Fan von anderer Kunst sein kann. Schätze andere Kunst und deine Kunst wird geschätzt.

Short Disclaimer: Ich bin kein Musiker oder Musikkritiker. Ich spreche nur über Musik, die ich gerne höre. Darüber hinaus wird und will dieser Artikel kein vollständiges Albumreview sein.

Bon Iver – 22, A Million
Released September 2016 by Jagjaguwar
Tracklist:
1. 22 (Over Soon)
2. 10 Death/Breast
3. 715 – Creeks
4. 33 „GOD“
5. 29 #Strafford Apts
6. 666 (upsidedowncross)
7. 21 Moon Water
8. 8 (circle)
9. 45
10. 1000000 Million

„DAS HABE ICH NICHT ERWARTET“

Kein Zweifel, das muss der erste Gedanke eines jeden, einschließlich mir selbst, gewesen sein, der das neue Bon Iver Album angehört hat. Sicher, das Album ist grundlegend anders und musikalisch weit von seinen früheren Werken entfernt. Es ist eine seltsame und experimentelle Mischung aus arrangierten Glitches, Samples und Geräuschen kombiniert mit Loops, synthetisierten und/oder bearbeiteter Stimmen – doch diese wird mit der Sorgfalt eines sich entwickelnden Künstlers entwickelt, der Bekanntes mit einer futuristischen Popvision kombiniert.

Ich kann vollkommen verstehen, dass das Ergebnis ein kompletter Turn-Off für dich sein könnte – seine Hörer erwarten seinen geliebten folklore-akustischen Stil. Bitte sei aber daran erinnert, dass es Bon Iver ist (und nach ihm klingt). Ich bitte dich freundlich darum, deinen Geist zu öffnen. Künstler werden sich immer weiterentwickeln. Ein deutscher Musiker sagte einmal: „Du magst mich auf meinen alten Platten? Dann höre dir meine alten Platten an!“ Da wir uns täglich auf einer persönlichen Ebene weiterentwickeln, können wir dieses Recht keinem Künstler, der wahrscheinlich noch verzweifelter nach neuen Erfahrungen sucht, verwehren.

Darüber hinaus neigen wir dazu, zu vergessen, dass Bon Iver immer auf eine bestimmte Art experimentell war. Erinner dich an For Emma, ​​Forever Ago, sein Debüt-Album: Sowohl der Gesangsstil als auch seine Phrasierung waren immer ungewöhnlich – aber die impressionistische Verkörperung von emotionalem Verlust und Intimität fühlte sich für viele von uns so authentisch an, dass wir uns schnell in sie verliebten.

Im Vergleich dazu hat „22, A Million“ mehr einen explorativen Charakter, der sich mit Problemen wie den existentiellen Sorgen oder der Identitätskrise eines Künstlers beschäftigt. Er ist sich der Zukunft, der Realität und sich selbst nicht sicher. Es ist der ständige Kampf zwischen ihm (22) und allen anderen (A Million). Um das größere Bild zu verstehen, geht Vernon auf die Suche nach Antworten auf philosophischen Fragen über Vergänglichkeit, Struktur und Glauben.

Das Album beginnt mit 22 (Over Soon), die konstanten Trompetenklänge – mit einer verblüffenden Ähnlichkeit zu den Klängen eines Schlachthorns oder Feueralarms – rufen eine optimistische und hoffnungsvolle Stimmung hervor. Derunvollkommene Loop, der den Anfang des Klangs schneidet, deutet bereits auf die glitch-orientierte Reise hin, auf die uns das Album mitnimmt. Sein vertrauter, harmonisierender Gesang „Where you gonna look for confirmation?“ wird unterbrochen von der ständig gesampelten und gepitchten Stimme „It might be over soon“. Nachdem er sofort eine vielversprechende Atmosphäre geschaffen hat, vollführt er sein Konzept der Unvollkommenheit: Das Ende ist unerwartet und schnell.

Mein Lieblingstitel der Platte ist bei weitem 715 – CRΣΣKS. Er erinnert mich nicht nur an den hypnotischen Gesang in Kanye West’s „Heartless„, einen meiner absoluten Lieblingssongs – die Cyber-Soul Acappella ist zudem gleichzeitig voller starker, starker Emotionen und weicher Empfindsamkeit. „Eine Pop-Auflösung, die niemals kommt, versprechend löst sich der SOng mit einem Abschiedsschuß auf, der offensichtlich auf den Rücken eines Liebhabers gerichtet ist. „Goddamn, turn around now, you’re my A team,“, platzt Vernon hervor, die letzten Silben streckten sich schmerzhaft in pixeligem Melisma. Es ist eine überraschende Zeile, nicht nur wegen ihrer emotionalen Schwere, sondern weil diese durch Effekte geliefert wird, die im Allgemeinen die Intimität der Stimme neutralisieren. Hier aber vergrößern sie es. “ (Pitchfork )

Um auch die Nostalgischen unter uns zu befriedigen, ist 8 (circle) der wahrscheinlich konservativste Track auf dem Album und ein Kompromiss zwischen seiner gegenwärtigen Entwicklung und  trotzdem sehr ähnlich zu For Emma, Forever Ago, Vernons letztem Album. Er ist auf traditionellere Weise komponiert, sowohl von der stimmlichen Anordnung als auch der Struktur, bis er sich schließlich in ein flüssiges Mashup aus Hörnern, Synthesizern und Harmonien auflöst, welches rein, ehrlich und wunderschön ist.

Vor einigen Jahren versuchte Kanye West mit dem Album Yeezus Grenzen zu überschreiten und neue Wege in der musikalischen Umgebung von Rap & HipHop zu finden. Heute habe ich das Gefühl, dass Bon Iver versucht, Ähnliches mit Folklore zu tun – indem er Stilregeln und traditionelle Konzepte wie Vers-Chorus-Vers-Strukturen bricht.

Der eindrucksvolle und eindringliche Abschluss-Track des Albums, 00000 Million, ist sowohl vielversprechend als auch repräsentativ für das Konzept des Albums, Etabliertes neu zu erfinden/ definieren. Das wackelige Sample des irischen Folksängers Fionn Regan: „The days have no numbers“ widerspricht der Obsession des Albums mit seiner Numerologie, da jeder Liedtitel eine Zahl enthält. In der Verwüstung seines eigenen Kunstwerks gesteht Vernon seine Niederlage bei der Beantwortung seiner großen Fragen: „Es gibt Resignation in seiner Stimme […]. Die Songtexte werden jedem nahe gehen, der sich fragt, ob sie sich jemals besser fühlen werden, während sie weiterhin etwas tun, von dem sie wissen, dass es ihnen weh tut.  „If it’s harmed, it harmed me, it’ll harm me, I let it in.“ (Pitchfork )